trainstation in Sargans at night

my hometown – meine Heimat

Es ist Samstag Mitternacht. Es regnet in Strömen. Mein Kopf fühlt sich an, wie wenn ein Elefant darauf sässe. Mich treibt es nach draussen.
Ohne Plan ziehe ich los in Richtung Bahnhof – irgendwie in der Hoffnung Menschen zu begegnen. Doch kurz davor biege ich in eine Seitenstrasse ein. Diese führt mich zum Knotenpunkt unseres Dorfes. Wo sich tagsüber der Verkehr lärmig durch die Strassen zwängt, übernimmt an Samstagabenden üblicherweise die junge Bevölkerung die Beschallung der Szene. Zwei Bars haben hier Heimat gefunden. Eine wird von der Familie eines ehemaligen Schulkollegen geführt – in der Regel muss ich ziemlich betrunken sein, um mich hier wohl zu fühlen. In der Anderen servieren schöne Osteuropäerinnen freundlich.
Weiter am Dorfladen vorbei erspähe ich vier Frauenbeine unter zwei Schirmen, die die Eisenbahnbrücke überqueren. Mir fällt nichts besseres ein, als ihnen zu folgen. Mit Highheels geht man nicht so schnell, wie mit meinen Sneakers und so hole ich sie schon bald ein. Zwei Teenies auf dem Nachhauseweg. Ich überlege mir, wie ich sie ansprechen könnte und verwerfe den Gedanken kurz darauf wieder. Der Kebab auf der linken Strassenseite ist dunkel. Als ich die Girls überholen möchte, stossen wir fast zusammen, weil sie die Strassenseite wechseln wollen. Es sollte der direkteste Menschenkontakt für mich diese Nacht bleiben.
Mehrere Wohnblöcke säumen die Strasse, welche drei Jahre Teil meines Schulwegs war. Zwischen dunklen Reihen werfen immer wieder einige Wohnungen ihr Licht auf die Strasse. Ich frage mich, wie viele alleine zu Hause sitzen, vor dem Fernseher. Sich auch einsam fühlen und sich wünschen würden, mit anderen Menschen einen schönen Abend zu verbringen? Wie viele schon hundertmal auf den Facebook-Refresh-Button geklickt haben, in der Hoffnung, dass jemand sie kontaktiert oder zumindest was Interessantes gepostet hätte? «Hat es aus uns eine Menschenscheue Gesellschaft gemacht?», frage ich mich…
Strassenlicht auf einsamer Strasse Ich unterquere die Autobahn. Sprayereien an den Wänden zeugen von Ausdruckskunst der Primarschule. Erinnert an den Banksy-Film «Exit through the giftshop», welcher heute Nachmittag auf meinem Computer lief, gehe ich mit einem Lächeln weiter. Ich beschliesse den Rückweg über die Altstadt zu nehmen. Beim Aufstieg störe ich zwei Kröten beim Liebemachen. Vorbei an reichen Häusern und der Kirche, welche seit je her asynchron mit der Konkurrenz 100 Meter weiter entfernt die Viertelstunden ansagt.
Zwei Lokale haben hier noch geöffnet. Vor erstem stehen drei-vier junge Menschen. Nach der Kopfbehaarung zu urteilen scheinen sie alternativ zu sein – ich fühle mich zu ihnen hingezogen, habe aber zu wenig Eier um mich dazu zugesellen. Zudem bemerke ich, dass Nike-Sneakers und Nike-Trainerhose wohl nicht die ideale Bekleidungsstücke sind, um hier aufzutreten…
Die Schuhe saugen sich langsam mit Regenwasser voll. Die Regenjacke hält zum Glück. Das Rathaus streckt streng drei Fahnen zur Strasse hinaus. Gans, Kreuz und Rutenbündel mit Beil trotzen dem Regen. Glänzende Autos stehen korrekt nebeneinander parkiert. Ein SUV rauscht vorbei – Eltern bringen ihre Noch-nicht-alt-genug-um-die-Nacht-durchzufeiern-Teens nach Hause. Ein Taxi holt einem jungen Paar das Lehrlingsgeld aus dem Portemonnaie.
Zu Hause angekommen setze ich mich an Computer und drücke das blaue Logo mit den weissen Buchstaben «Gesichtsbuch». Eine Kollegin aus Istanbul teilt Fotos mit brutalen Polizisten. Die türkischen Medien berichten kaum darüber, sagt sie. Ich teile ihr Foto und gehe in einem viel zu grossen Bett schlafen.

Text und Fotos: Guido Koch

Unterführung im Strassenlicht